Bodensee-Export – eine Apfel-Performance, Dokumentation und ObjektDas Werk operiert wie ein langsamer Leak: eine kaum wahrnehmbare, aber stetige Transformation, die sich der Logik spektakulärer Bilder entzieht und stattdessen auf Dauer, Materialermüdung und symbolische Überlagerung setzt. Ein Apfel, durchbohrt von Messingpatronenhülsen, fungiert als Träger widersprüchlicher Narrative – agrarische Reinheit und industrielle Gewalt verschränken sich in einem Objekt, das weder eindeutig Natur noch Artefakt bleibt.Zu Beginn der Performance dokumentieren zwei Fotografien einen Zustand scheinbarer Stabilität: der Apfel als klassisches Motiv ländlicher Ökonomie, aufgeladen mit der Semantik regionaler Identität. Doch bereits hier ist das Bild kontaminiert. Die eingeschriebenen Patronenhülsen verweisen auf jene weniger sichtbaren Exportströme, die nicht auf Wochenmärkten, sondern in geopolitischen Spannungsfeldern zirkulieren. Der Bodensee erscheint nicht länger als touristisches Idyll, sondern als Schnittstelle von Lieferketten, in denen sich landwirtschaftliche und militärische Produktion überlagern.Im zeitlichen Verlauf kippt das Werk in eine prozessuale Skulptur. Der Apfel trocknet aus, verliert Volumen, verfärbt sich ins Schwarze. Die Hülsen wirken dabei nicht nur als Fremdkörper, sondern als aktive Agenten der Zersetzung – sie beschleunigen den Zerfall, strukturieren ihn, schreiben sich in die Morphologie des Objekts ein. Was übrig bleibt, ist eine Art Schrumpfkopf: ein Relikt, das gleichzeitig an Konservierung und Gewalt erinnert, an Trophäe und Abfall.Die Arbeit operiert damit an der Schnittstelle von Bildpolitik und Materialität. Sie zeigt nicht einfach, sie lässt geschehen. Die Transformation ist weder vollständig kontrollierbar noch vollständig dokumentierbar – sie entzieht sich der sofortigen Verwertbarkeit als Bild und insistiert auf einer anderen Form von Sichtbarkeit: einer, die Zeit braucht und sich im Prozess selbst artikuliert.Gleichzeitig evoziert das Werk einen kulturellen Subtext, der über nationale Mythen vermittelt wird. Der Apfel als Zielscheibe eines legendären Schusses wird hier nicht heroisch durchbohrt, sondern dauerhaft perforiert und entstellt. Der Mythos kippt ins Post-Mythische: Was einst als Gründungserzählung von Präzision und Freiheit fungierte, erscheint nun als Endlosschleife von Einschreibung und Zerstörung.So wird Bodensee-Export zu einer leisen, aber insistierenden Untersuchung darüber, wie sich globale Gewaltverhältnisse in scheinbar harmlosen Objekten sedimentieren – und wie diese Objekte im Laufe der Zeit beginnen, selbst davon zu erzählen.